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Deutschlandradio Kultur
24.11.2006
Muslimische
Totenruhe in Brandenburg
Von Christoph
Richter
Auf dem
ehemaligen Dorffriedhof von Zehrensdorf, 80 Kilometer südlich von
Berlin, befinden sich die Gräber von hunderten muslimischen Toten.
Errichtet vom deutschen Kriegsministerium. Auf Seiten der Alliierten
kämpften im ersten Weltkrieg mehrere tausende Muslime. Viele von ihnen
gerieten im Verlauf des Krieges in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Hunderte starben später während der Inhaftierung.
Fünf Mal am Tag
hören die Einwohner in Wünsdorf bei Berlin den Muezzin, wie er die
Menschen zum Gebet ruft. Nicht heute, sondern im Herbst 1914. Also
bereits vor 90 Jahren.
Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurden in dem kleinen märkischen
Ort Wünsdorf, ungefähr eine Autostunde vom Berliner Kurfürstendamm
entfernt, die ersten Kriegsgefangenen interniert. Afrikaner aus den
französischen Kolonien, Inder aus dem ehemaligen Commonwealth und
muslimische Tataren und Georgier. Sie alle kamen in die so genannten
Halbmondlager nach Wünsdorf. Wie der Name es schon sagt, waren die
Baracken in dem Lager halbmondförmig angelegt. Im Zentrum stand die
Moschee. Die erste Deutschlands überhaupt. In nur fünfwöchiger Bauzeit
entstand sie.
Der Wald hier wächst wild und krumm. Ein richtiges Dickicht. Und
wechselt sich ab, mit schier endlos sandigen Hügeln. Zwischen den Bäumen
versteckt sieht man schlossartige neoklassizistische Villen. Die meisten
von ihnen leerstehend. Und oft noch mit den alten Insignien der Roten
Armee versehen, die bis 1994 hier ihr Oberkommando Westeuropas
stationiert hatte. Daneben stehen Bunkeranlagen aus den Zeiten des 2.
Weltkrieges. Dann ein kleines grünes Zeichen: Kriegsgräberstätte. Das
führt zu einem ganz besonderen Friedhof, der in Deutschland
seinesgleichen sucht. Denn hier wurden in der Zeit zwischen 1914 und
1918 Christen, Moslems, Hindus und Sikhs einträchtig nebeneinander
bestattet.
Leicht aufgeregt und mit hastiger Stimme erzählt der 71-jährige Werner
Lehse, der Wünsdorfer Chronist, und erste Nachwendebürgermeister des
Ortes von dem einzigen muslimischen Friedhof in der Mark Brandenburg.
Der entstand exakt an der Stelle, an der sich der frühere Zehrensdorfer
Friedhof befand. Ein Dorf, das seit 1911 von der Landkarte verschwunden
ist.
"Ein kleines Bauerndorf mit nur 140
Einwohnern, das lag nun mittendrin im Militärbezirk, und musste nun
weichen. Im Jahr 1911 wurde es dann evakuiert, die Bevölkerung wurde
umgesiedelt, entschädigt, dass sie ihre Häuser verlassen mussten. Und
hier auf dieser Anhöhe, auf diesem Plateau befand sich der Dorffriedhof
Zehrensdorf."
Mitten im Zentrum des Friedhofs sind noch die Grundmauern der alten
Friedhofskapelle mit den alten zerbrochenen Grabsteinen zu sehen. Und
eine drei Meter hohe sechseckige Bronzestele. Ein erst im letzten Jahr
errichtetes Denkmal.
Im oberen Bereich ist ein umlaufendes Fries mit den Symbolen der fünf
Weltreligionen zu sehen. Auf den sechs Seiten sind die Namen der knapp
900 Toten eingraviert, die hier ihre letzte Ruhe fanden.
Die meisten von ihnen: Muslime, die während des 1. Weltkriegs in den so
genannten Sonderlagern im benachbarten Zossen und Wünsdorf interniert
waren. Sie starben aber nicht wegen der Lagerbedingungen, sondern weil
sie einfach mit den klimatischen Bedingungen des rauen Nordens nicht
klar kamen, erzählt Werner Lehse:
"Nicht, und deshalb starben in der ersten
Zeit relativ viel, bevor sie sich akklimatisiert hatten. Das waren doch
eine ganze Menge, die ins Gras bissen."
Hindus und Sikhs, die hier auch ihre letzte Ruhestätte fanden, haben auf
dem Zehrensdorfer Friedhof eigene Gräber und ein eigenes Ehrenmal.
Höchstpersönlich betreut vom englischen Königshaus, und der War Graves
Commission des Commonwealth.
Auffallend: der Gedenkstein für die toten Tataren. Friedhofskenner Lehse
beginnt zu schwärmen.
"Es ist also noch der Originalstein, der
war irgendwie - ich weiß nicht mit was für Technik man das gemacht hat -
heruntergezogen, herunter gestoßen worden. Der Sockel wurde wieder neu
genutzt. Man hat ihn wieder raufgestellt. Es fehlen aber die aus Stein
gehauenen Turbane, die praktisch auf jeder Ecke standen. Man sieht hier
noch die Anker, auf der sie sich befanden. Die fehlen als Original."
Mit einer in Deutsch und Turko-Tartarischen Inschrift versehen.
"Grabstätte der kriegsgefangenen mohammedanischen Kasan Tartaren, die
unter der Regierung Wilhelm des II während des Weltkriegs starben".
Entworfen von Otto Stiehl, einem Architekten. Er war der
stellvertretende Kommandant der Wünsdorfer Sonderlager und ein sehr
ambitionierter Fotograf, der den Alltag in Wünsdorf während des Krieges
sehr detailreich dokumentierte.
Fotos, die bis heute erhalten sind und in den Archiven des Berliner
Museums für Europäische Kulturen lagern. Dias, die es möglich machen,
dass wir uns heute noch ein Bild von der damaligen Zeit in Wünsdorf und
Umgebung machen können. Vor ein paar Jahren von der Berliner Ethnologin
Margot Kahleyss in einer Holzkiste gefunden.
"Ich hab mir die Fotos angeschaut, zum
Teil sah es da aus wie in Arabien. Lawrence von Arabia. Friedhof, Sand,
Leute in arabischer Kleidung. Andererseits gab es geschnitzte
Ortsschilder von Zossen, Lager und Kommandantur. Das machte wenig Sinn
zusammen, da bin ich aufgrund der Ortsschilder nachgegangen. So war das
damals."
Und durch Archivstudien, unter anderem beim Auswärtigen Amt, ist sie
schnell auf die Sonderlager des Ersten Weltkriegs gestoßen.
Dabei auch ein Foto von der Einweihung des Tatarendenkmals während des
Bairamfestes. Das Fest des Fastenbrechens unmittelbar nach dem Ramadan:
im August 1916 unter Anwesenheit türkischer Offiziere und des
Botschafters.
Für die Deutschen waren die wichtigen islamischen Feste fest in die
Kalender eingeschrieben. Und wurden prächtig gefeiert. Zum einen konnten
sie so den Menschen und der Welt zeigen, wie eng das Verhältnis zwischen
ihnen und den Muslimen ist. Zum anderen konnten sie die gute Behandlung
der Gefangenen unter Beweis stellen.
Ein Thema, das auch den Berliner Künstler und Filmemacher Philip
Schefner sehr beschäftigt und ihn bewogen hat, mit Unterstützung des
Hauptstadtkulturfonds, eine Ausstellung über die muslimischen
Halbmondlager vorzubereiten.
"Das Ziel dieser Sonderlager war, die
Gefangenen durch so genannte gute Behandlung und ihre Möglichkeit ihre
jeweilige Religionspraktiken auszuüben, zu überzeugen und für
Deutschland und das osmanische Reich in den Krieg zu ziehen. Das war die
Idee. Und die gute Behandlung, von der immer geredet wird, muss man auch
unter diesem Aspekt sehen. Und was das bedeutet, ist sehr fraglich,
zwiespältig. Darüber gibt es sehr unterschiedliche Darstellungen. Das
Problem ist nun, dass es nur sehr wenige Darstellungen der Gefangenen
selber gibt."
Nicht weit vom Ehrenmal für die gestorbenen Tataren steht der
monolithisch wirkende sogenannte Araberstein. Ein massiver Felsquader
aus rotem Sandstein. Errichtet 1916 für die gefallenen muslimischen
Nordafrikaner, die Frankreich an die Front geschickt hat. Der
Gedenkstein steht in Richtung Mekka und schräg zum Hauptweg, genau so
wie der Islam es fordert. Eingeschrieben ist auf ihm, die 55. Koransure.
Kunstvoll eingraviert in arabischer Schrift. Darüber die deutsche
Übersetzung der Schahada, des islamischen Glaubensbekenntnisses.
Über die Jahrzehnte hinweg sind die Schriftzüge jedoch sehr verblasst,
und daher zum Teil nur noch schwer lesbar. Friedhofkenner Werner Lehse
probiert es trotzdem:
"'Es gibt keinen Gott außer Gott, und
Mohammed ist Gottes Prophet. Wir schritten die Wege, die uns die
Allmacht gab. Von der Bahn seines Schicksals weicht keiner auf Erden ab.
In welchem Lande einen Menschen bestimmt. Dort und sonst nirgends findet
er Tod und Grab.' Und dann folgt aus der 55. Sure des Korans: Der
Allbarmherzige. Und dann folgt noch ein Pentagramm ein fünfzackiger
Stern."
In Wünsdorf ist der Friedhof das letzte sichtbare Zeugnis aus der Zeit
der Halbmondlager, als das Deutsche Kaiserreich versuchte, überwiegend
muslimische Gefangene durch Propaganda gegen seine Dienstherren zu
mobilisieren. Dafür tat man alles. Und baute deshalb sogar eine Moschee
in den märkischen Sand. Die erste Moschee auf deutschem Boden, die rein
für die sakrale Nutzung gedacht war. Ein Holzbau, mit einem 25 Meter
hohen Minarett.
"Also man hatte die Vorstellung, dass,
wenn man die an einem Ort hat, dort politische hetzerische Reden hält,
dass man sie dazu bewegen könnte, sich dem Dschihad der Türkei
anzuschließen. Die Türkei, also das osmanische Reich, war seit 1915 mit
dem Deutschen Reich verbündet und man hat sich einfach erhofft, wenn man
es den Internierten entsprechend schmackhaft macht, dass sie sich diesem
Dschihad anschließen. Es war so was wie eine von oben gewollte
Subversionsstrategie."
Die allerdings niemals die gewünschten Erfolge zeigte, erzählt die
33-jährige Britta Lange. Historikerin am Berliner Max Planck Institut
für Wissenschaftsgeschichte.
Die Wünsdorfer Moschee wurde nach 1918 noch eine Zeit von der Berliner
islamischen Gemeinde genutzt, verfiel dann aber immer mehr, so dass sie
schließlich 1925 abgerissen wurde. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr dem
Friedhof. Er geriet zunehmend in Vergessenheit und verwilderte, da er
mitten im militärischen Sperrgebiet lag. Noch in den späten zwanziger
Jahren des letzten Jahrhunderts exhumierten die Franzosen ihre Toten und
begruben sie in den großen Kriegsgräberstätten bei Verdun und
Langemarck. Während des 2. Weltkriegs wurde der Friedhof noch mal kurz
genutzt, für die Toten, die während der Luftangriffe auf Wünsdorf ums
Leben kamen.
Danach verschwand der Friedhof vollends.
Von 1945 bis 1994 war Wünsdorf rein russisches Gebiet. Hier war das
Oberkommando der Weststreitkräfte der Roten Armee beheimatet. Und sie
ließen, obwohl viele russische Menschen auf dem muslimischen Friedhof
bestattet wurden, den ersten muslimischen Friedhof Deutschlands total
verfallen und der Vergessenheit anheim fallen.
"Welcher Vandalismus hier geherrscht hat:
Man kann es sich kaum vorstellen. Gesehen habe ich ihn zum ersten Mal
wieder 1993, als die Russen noch aktiv waren. 1994 war hier kaum etwas
zu sehen. Alles verwachsen. Von den kleinen Grabsteinen war kaum noch
einer da. Die großen Grabsteine waren zum Teil zerstört, zum Teil vom
Sockel gerissen worden."
1995 wurde dieser einzigartige interkonfessionelle Friedhof unter
Denkmalschutz gestellt. 300.000 Euro hat der Bund für die Sanierung
gezahlt, eine ähnlich hohe Summe kam noch vom englischen Königshaus
hinzu.
Heute ist der Friedhof wieder jedem zugänglich. Über dem Eingangstor
steht in drei Sprachen das Wort Friedhof. Und eine Tafel weist auf die
wechselvolle Geschichte hin. Ein muslimischer Friedhof mitten in
Brandenburg, auf dem aber auch Christen, Hindus und Sikhs bestattet
worden sind. Das so was möglich ist und sogar bereits möglich war, klingt
heutzutage fast ein bisschen utopisch. |